302 Kilometer und 5400 Höhenmeter (hM). Das klingt nach einer Schinderei und das ist es auch. Gleichzeitig gilt: Wer gut vorbereitet an den Start geht, für den ist auch die Istria300 machbar. Ich hatte mir im Vorfeld überlegt, welche Durchschnittsleistung (130 Watt) und welche Geschwindigkeit (25km) notwendig sein würden, um das Zeitlimit von 12 Stunden zu schaffen. Start 7:05 Uhr. Zeitlimit: 19:05 Uhr. Nach 50 Kilometern hat sich dann allerdings mein Wahoo Roam 2 aufgehängt und ich konnte Durchschnittleistung usw. nicht mehr ablesen. Zum Glück hatte ich die wichtigsten Streckenpunkte auf einem Zettel am Oberrohr, daran habe ich mich orientiert, siehe Foto. Am Ende habe ich das Zeitlimit um zwei Minuten verpasst, es war mir aber egal, mehr war nicht drin. Zwei der fünf Verpflegungsstationen ließ ich komplett aus, um Zeit zu sparen. An den übrigen hielt ich mich maximal zwei Minuten auf. Ich bin nahezu durchgehend an meinem Limit gefahren, wo hätte ich diese zwei Minuten herholen sollen? Auch hatte ich Glück: kein Platten, kein technischer Defekt und vor allem kein Sturz.
Die Strecke selbst ist spektakulär. Ausgangspunkt ist die Küstenstadt Poreč, von dort führt die Route durch das hügelige Hinterland Istriens. Es geht vorbei an Weinbergen, Olivenhainen und alten Natursteinmauern. Immer wieder öffnen sich fantastische Ausblicke auf die Adria, auf die Buchten rund um Vrsar und auf das tiefblaue Meer. Orte wie Višnjan, Motovun, Oprtalj, Grožnjan oder Buzet zeigen das ursprüngliche Istrien mit seinen kleinen Gassen, alten Steinhäusern und den typischen Kirchtürmen. Die Strecke hatte aber Schattenseiten: Viele Straßen wiesen Schlaglöcher oder durch die Sommerhitze aufgebrochenen Asphalt auf. Immer wieder tauchten in den Dörfern plötzlich Bodenschwellen auf, die zu hektischen Bremsmanövern führten. Die Strecke war abgesichert, die Streckenposten waren aber eher mit ihrem Handy beschäftigt als damit, den Fahrern Orientierung zu geben. Gefahrenstellen waren häufig nicht gekennzeichnet. Entsprechend gab es zahlreiche Stürze. Einen Unfall erlebte ich neben mir. Vor einer stillgelegten Fabrik verliefen Schienen schräg über die Fahrbahn. Eine Fahrerin blieb mit dem Reifen hängen und stürzte. Was indes gut war: Wir sind immer wieder zusammengefahren, haben uns in der Führungsarbeit abwechselt und gegenseitig Windschatten gegeben. Das funktionierte hervorragend und zeigte, was den Radsport ausmacht: Man kämpft gegen die Strecke, aber nicht gegeneinander.
Die Istria300 ist eine riesige Veranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmern. Schon Tage vor dem Rennen steht Poreč im Zeichen des Events. Der Hafenbereich wird von der Veranstaltung dominiert, überall laufen Promotion-Aktionen, es gibt große Messezelte, Verkaufsstände nahezu aller bekannten Fahrradhersteller und unzählige Merchandising-Angebote. Mir persönlich war das zu viel. Die gesamte Veranstaltung wirkt sehr kommerziell. Überall Musik, überall Werbung, überall Verkaufsangebote. Mir gefallen Veranstaltungen wie die Wendelsteinrundfahrt oder der Schwarzwald Ultra Radmarathon besser. Dort stehen keine professionellen Eventagenturen im Mittelpunkt, sondern Vereine und Ehrenamtliche. Bei der Wendelsteinrundfahrt kommen viele Teilnehmer mit dem Wohnmobil oder Zelt, die Blaskapelle spielt, und hinter allem steht der örtliche Ski-Club Au. Beim Schwarzwald Ultra erfolgt die Verpflegung oft auf Schulhöfen oder an einfachen Helferstationen. Alles wirkt kleiner, persönlicher und herzlicher. Beim Schwarzwald Ultra bekam ich unmittelbar nach dem Zieleinlauf ein alkoholfreies Bier in die Hand gedrückt. Man spürte an jeder Ecke das Engagement der Menschen, die die Veranstaltung möglich machen. Bei der Istria300 kam ich um 19:07 Uhr ins Ziel. Das Zeitlimit war 19:05 Uhr. Der Bierstand war bereits abgebaut. Sorry, too late.
Heino Böker





